Trainingssoftware für Patienten mit neurologischen Erkrankungen
Projekthintergrund
Nach neurologischen Erkrankungen wie beispielsweise Schlaganfällen kommt es häufig zu Beeinträchtigungen in bestimmten Funktionsbereichen des Gehirns. Zur Rehabilitation werden die beeinträchtigten Bereiche gezielt trainiert.
RehaCom® Online ist eine Therapiesoftware für computergestütztes kognitives Training. Dabei unterstützt das Produkt sowohl ein durch Fachpersonal begleitetes Training in Klinken und Praxen, als auch ein eigenständiges zeit- und ortsunabhängiges Training für Patienten z.B. nach einer Klinikentlassung.
Projektziel
Vor dem Markteintritt von RehaCom® Online sollte die bereits vorhandene Benutzeroberfläche für das Patiententraining weiter optimiert werden.

Ausgangslage
Für eine gute Rehabilitation nach neurologischen Erkrankungen ist es wichtig, dass Patienten die beeinträchtigen Bereiche häufig und regelmäßig trainieren. Während eines stationären Klinikaufenthalts ist dies meist gewährleistet. Nach der Entlassung kommt es jedoch häufig zu Versorgungslücken, da Patienten nicht sofort einen ambulanten Therapieplatz erhalten.
Mit RehaCom® Online kann die Lücke geschlossen werden, in dem Patienten ihr Training aus der Klinik selbstständig fortsetzen können.
Im Laufe der Entwicklung durchlief RehaCom® Online wissenschaftliche Studien und Usability Tests mit Patienten und dem betreuenden Fachpersonal wie z.B. Neuropsychologen.
Aufgrund der Ergebnisse wurde beschlossen, dass die Benutzeroberfläche für den selbstständigen Einsatz durch Patienten weiter optimiert werden sollte.
Meine Rolle
Ich arbeitete als UX Designerin in enger Zusammenarbeit mit weiteren UX Designern, Entwicklern und Managern an der Optimierung des Produkts mit. Meine Aufgaben umfassten unter anderem:
- Planung, Durchführung und Auswertung von Interviews und Umfragen.
- Erstellung von Personas zur Definition der Nutzergruppen.
- Begleitung eines Beta-Tests
- Konzeption: Erstellung von Flow-Charts, Wireframes und Low-Fidelity Prototypen.
- Visual Design: Entwicklung von High-Fidelity Prototypen und Mockups.
- Design Systems: Aufbau und kontinuierliche Pflege des systemeigenen Design-Systems.
- Assets: Erstellung von Illustrationen für das Interface.
Research
Interviews
Obwohl bereits erste Research Ergebnisse aus früheren Studien vorlagen, beschlossen wir noch weitere Interviews durchzuführen, um ein noch besseres Verständnis für die Bedürfnisse des Fachpersonals und der Patienten zu entwickeln. Insgesamt führten wir 3 Interviews mit Ergotherapeuten inklusive eines Praxisbesuchs durch. Anschließend strukturierten wir die Interviewthemen in einem interaktiven Buch-Prototypen, welcher unternehmensweit geteilt wurde.
Aus den Interviews konnten wir folgende Erkenntnisse für das Re-Design gewinnen:
- Nicht alle Patienten trainieren zur Verbesserung der Fähigkeiten. Demenzpatienten trainieren z.B. nur zum Erhalt ihrer Fähigkeiten. Ein Gefühl von Fortschritt sollte jedoch trotzdem ermöglicht werden.
- Auch Patienten mit psychischen Erkrankungen können mit RehaCom® Online trainieren. Hier ist besonders ein strukturierter Trainingsplan wichtig.
- Patienten mit neurologischen Erkrankungen sind häufig mittleren bis hohen Alters. Es treten deshalb sowohl altersbedingte als auch krankheitsbedingte Einschränkungen auf. So können beispielsweise Sehkraft oder Motorik beeinträchtigt sein. Eine Bedienung sollte trotz Einschränkungen gut möglich sein.
Um das Produkt unter realistischen Bedingungen zu erproben und mehr Erkenntnisse von Fachpersonal und Patienten zu erhalten, wurde ein Beta-Test durchgeführt. Über einen Testzeitraum von 3 Monaten konnten Neuropsychologen und Ergotherapeuten in verschiedenen Einrichtungen RehaCom® Online ausgiebig testen. Das UX Team begleitete die Testphase mit ausführlichen Interviews und Feedbackgesprächen. Insgesamt kamen so über 40 Gespräche zustande.
Aus der Testung konnten wir folgende Erkenntnisse gewinnen:
- Es ist wichtig, dass Patienten weder zu viel und noch zu wenig trainieren und sich an die Vorgaben des Therapeuten halten, auch nach der Entlassung.
- Patienten brauchen stets Feedback wie gut ihr Training ablief. Die Darstellung der Ergebnisse sollte sowohl für Therapeuten und Patienten einfach zu verstehen und zu erklären sein.
- Die Leistungsfähigkeit und Trainingsziele von Patienten unterscheidet sich stark voneinander. Ein Vergleich von Patienten untereinander ist aus therapeutischer Sicht nicht sinnnvoll. Das Feedback sollte deshalb auf die Patienten individuell abgestimmt sein.
- Patienten und Kliniken stehen nicht immer Rechner zu Verfügung. Stattdessen werden immer häufiger Tablets verwendet.
Re-Design
- Es werden nur die Namen der Übungen angezeigt. Die Namen sind häufig kompliziert und haben eine geringe Widererkennbarkeit für die Patienten.
- Die Fortschrittsanzeige wird in Prozent angezeigt, obwohl das Training nach Zeit läuft.
- Unter dem Menüpunkt "Mein Tag" soll das Training nur für den aktuellen Tag angezeigt werden. Das Interface bietet jedoch die Möglichkeit an weitere Tage anzuzeigen, was zur Verwirrung bei Patienten führt.
- Der Start-Button für das Training ist durch die verschiedenen Farben und geringe Größe schlecht erkennbar.
- Die Übungen erhalten zum Namen ein kleines Vorschaubild und Icon, um die Wiedererkennbarkeit zu erhöhen.
- Die Fortschrittsanzeige ist nicht mehr in Prozent sondern zeigt die geplante bzw. verbleibende Trainingszeit an.
- Das Training wird nur für den jeweiligen Tag angezeigt. Für eine erweiterte Ansicht steht eine Wochen- und Monatsanzeige zur Verfügung.
- Der Start-Button wurde stark vergrößert und zeigt zudem an, ob ein Training bereits angefangen wurde oder fortgesetzt werden muss.
- Der Trainingsfortschritt der Patienten wird über einen Avatar, der sich über eine Illustration eines Wanderwegs bewegt, dargestellt. Die Illustration hat jedoch eine begrenzte Länge und kann somit keine längeren Trainingsperioden darstellen.
- Trainingserfolge werden zusätzlich mit Meilensteinen belohnt. Es ist jedoch nicht ersichtlich, wie diese erreicht werden können.
- Der Ergebnisgraph soll mit seinen verschiedenen Farben einen Wanderweg symbolisieren. Die Darstellung ist jedoch für Therapeuten und Patienten schwer verständlich und visuell unruhig.
After
- Die Illustration wurde komplett entfernt. Da der Fortschritt bei Patienten sehr individuell und untereinander nicht vergleichbar ist, wurde der Fokus auf neue Meilensteine mit einem einfachen Counter gesetzt.
- Die neuen Meilensteine adressieren Probleme, die häufig während der Trainingsperioden bei Patienten auftreten. So können Patienten stets Erfolge erzielen, indem sie einfach ihr Training ordnungsgemäß durchführen.
- Der Ergebnisgraph wurde visuell stark vereinfacht und optisch an das restliche Interface angepasst.
- Die Benutzeroberfläche war in Chats und Kontakte unterteilt. Da Patienten jedoch ausschließlich ihre Therapeuten als Kontaktperson haben, war diese Unterteilung unnötig.
- Unwesentliche Details, wie zum Beispiel das Account-Icon vor dem Namen der Therapeuten, sorgten für eine unruhige Darstellung und lenkten die Patienten vom eigentlichen Fokus ab.
- Die unnötige Trennung zwischen Chats und Kontakten wurde entfernt, um die Navigation zu vereinfachen.
- Das Chat-Interface wurde an das restliche Design angepasst. Durch das Entfernen der Account-Icons und die Umstellung auf eine schlichte Textdarstellung haben wurde eine übersichtlichere und intuitivere Benutzererfahrung geschaffen.
Geräteoptimierung
Um Patienten und Therapeuten maximale Flexibilität zu bieten ist RehaCom® Online im Zuge des Re-Designs auch für Tablets optimiert worden. Eine Anpassung für Smartphones erfolgte nicht, da die Screengrößen zu gering sind um ein effektives Training zu gewährleisten.
Fazit
Das Ergebnis des Projekts war ein umfassendes Redesign, das die komplexen Anforderungen der kognitiven Rehabilitation in ein modernes Interface überführte. Durch die enge Verzahnung von Research und Design konnten wir eine Lösung erarbeiten, die sowohl die therapeutische Qualität sichert als auch dieNutzbarkeit für Patienten maßgeblich verbessert.





